Fraunhofer IML und BME e.V.: Vorstudie Digitalisierung des Einkaufs.

Der BME hat gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML im April 2016 eine Studie zur Digitalisierung des Einkaufs veröffentlicht.

Die vierte industrielle Revolution ist Realität. Egal wie die Entwicklungen bezeichnet werden, die durch die Möglichkeiten der Digitalisierung getrieben werden. Die Art, wie Produkte und Dienstleistungen hergestellt und angeboten werden und wie dabei kommuniziert, transportiert oder auch bezahlt wird, wird sich grundlegend verändern. Dass diese Veränderungen alle Unternehmensfunktionen betreffen, ist keineswegs neu. Dem Einkauf als zentrale Schnittstelle zu internen und externen Partnern in der
Wertschöpfungskette kommt vor diesem Hintergrund zweifellos eine besondere Rolle zu. Ausgangspunkt für die vorliegende Untersuchung war deshalb die These, dass die vierte industrielle Revolution dem Einkauf die einmalige Chance bietet, der Forderung nach einer strategischen Rolle gerecht zu werden. Die Einschätzungen der befragten Einkaufsverantwortlichen und CPOs von insgesamt 25 Unternehmen und zwei Hochschulen bilden den Kern dieser Vorstudie, die Ausgangs- und Startpunkt für weitergehende, detaillierte Untersuchungen zum Thema Einkauf 4.0 sein soll. Diese Einschätzungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Der Einkauf schrumpft – der operative Einkauf wird weitgehend autonomisiert. Operative Einkaufsprozesse können nahezu komplett digitalisiert werden bis hin zur Autonomisierung. Der strategische Einkauf steuert und überwacht diese Prozesse dann nur noch.
  • Die Anforderungen und Erwartungen an den strategischen Einkauf wachsen – und damit die Forderung nach einem erhöhten Wertbeitrag. Die an den Einkäufer gestellten Aufgaben und Anforderungen werden zukünftig immer komplexer. Unternehmen bieten ihren Kunden hybride Komplettlösungen und nicht mehr nur einzelne Produkte an, was den Anspruch an den Einkauf steigen lässt. Mehrere Produkte inklusive Dienstleistung werden an den Kunden verkauft und der Einkauf muss diese Entwicklung entsprechend berücksichtigen.
  • Der Einkauf wird in Zukunft vollkommen anders aussehen – es gibt keinen traditionellen Einkäufer mehr. Der Einkäufer muss künftig viele Talente mitbringen. Er wird zum Schnittstellenmanager intern und extern. Er muss ein hohes technisches Verständnis aufweisen, da er sich auch mehr und mehr zum Produktentwickler wandelt. Die Entwicklung zum Datenanalysten ist bereits gesetzt.
  • Persönliche Beziehungen bleiben auch im Einkauf 4.0 von hoher Bedeutung. Technologien schaffen viele neue Möglichkeiten für Unternehmen, sie ersetzen allerdings keine persönlichen Beziehungen. Sie vereinfachen zwar die Kommunikation,  verbessern diese aber nicht zwangsläufig. Besonders im Einkauf bleiben persönliche Beziehungen zu Lieferanten und internen Kunden eine wichtige Basis.
  • Der Einkauf trägt nicht die Gesamtverantwortung für die Umsetzung von Industrie 4.0 – dennoch
    hat er eine entscheidende Rolle. Die Geschäftsführung bzw. das Management eines Unternehmens ist dafür verantwortlich, Industrie 4.0 im Unternehmen voran zu treiben. Der Einkauf trägt hierbei eine wichtige Mitverantwortung.
  • Veränderungen beziehen sich auf alle relevanten Dimensionen: Technologien und Systeme, Organisation und Prozesse, Management und Mensch sowie Geschäftsmodelle. Die Digitalisierung verändert alle Bereiche eines Unternehmens. Die Entwicklungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung können nicht losgelöst voneinander betrachtet werden.
  • Das Schaffen von Transparenz ist die wichtigste Voraussetzung, um Industrie 4.0 umsetzen zu
    können. Transparenz schaffen bedeutet, dass Wissen in einer klaren Struktur bereitgestellt wird. Zum Thema „Industrie 4.0“ muss noch viel Aufklärung betrieben werden, um bestehende Hürden abzubauen und die Unternehmen in die Lage zu versetzen, die Umsetzung von Industrie 4.0 anzugehen.
  • Big Data und Technologien zur Datenverarbeitung sind Schlüsseltechnologien der Digitalisierung
    und vor allem im Zusammenhang mit der Vernetzung entscheidend. Der gemeinsame Blick aller Akteure eines Unternehmens als auch einer Supply Chain auf die gleiche Datenmenge mit den gleichen Möglichkeiten zur Analyse verbessert die Kommunikation untereinander und führt zu schnellen Entscheidungen.
  • Der Einkauf muss seine eigenen Strukturen und Prozesse an die Digitalisierung anpassen. Der Einkauf muss künftig in Echtzeit reagieren und aussagekräftige Informationen geben können. Dazu muss er seine Prozesse weitestgehend digitalisieren, um sich auf Kernprozesse zu konzentrieren. Der Umgang mit Big Data und Daten sowie der Einsatz von Assistenzsystemen oder Augmented Reality Lösungen unterstützen die Digitalisierung des Einkaufs.
  • Der Einkauf muss ein z.T. verändertes, zunehmend digitalisiertes Beschaffungsportfolio managen. Nicht nur die Prozesse des Einkaufs, sondern auch die zu beschaffenden Produkte unterliegen dem Wandel der Digitalisierung. Neben einem veränderten Produktportfolio muss der Einkauf auch neue Maschinen, Werkzeuge und Rohstoffe zur Herstellung neuer Produkte beschaffen. Daher besteht auch im Einkauf die Notwendigkeit, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.
  • Die vertikale und horizontale Vernetzung (durch Technologien) ermöglicht den Wandel von der Funktionssicht zur Prozesssicht – die Digitalisierung des Einkaufs und des gesamten Beschaffungsportfolios sind erst dadurch uneingeschränkt möglich. Die vertikale und horizontale Vernetzung bedingen die Prozesssicht, der Einsatz von Technologien und Systemen wiederum bedingt die Vernetzung. Die Vernetzung ist hier die entscheidende Größe. Erst der Austausch von Know-how mit anderen macht es möglich, von den Vorteilen der Digitalisierung zu profitieren.
  • Der Einkauf ist Treiber der horizontalen Vernetzung. Hier trägt der Einkauf die volle Verantwortung. Daher kommt ihm bei der Umsetzung von Industrie 4.0 eine entscheidende Rolle zu. Er muss die Technologien und Innovationen ins Unternehmen bringen, damit es die vierte industrielle Revolution erfolgreich meistern kann.

Diese ersten Erkenntnisse und Schwerpunkte gilt es zeitnah weiter zu diskutieren und in eine Roadmap mit konkreten Handlungsempfehlungen und einen Aktionsplan zu überführen. Dafür wird gemeinsam vom Fraunhofer IML und dem BME e.V. ein Think Tank Einkauf 4.0 ins Leben gerufen, in dem ausgewiesene Experten aus Industrie und Wissenschaft ab sofort gemeinsam an diesen Aufgabenstellungen arbeiten.

Quellenangabe:https://shop.bme.de/products/digitalisierung-des-einkaufs-einkauf-4-0